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Johannes Michael Grill
ZANUSSI. ODER DER WUNSCH NACH EINEM SELBSTBESTIMMTEN LEBEN
Erzählung, Verse und Fragmente
Mit einer Einleitung und einem editorischen Nachwort Hans-Jürgen Heinrichs
EHP-Verlag Andreas Kohlhage, 2019
112 Seiten; Hardcover, Fadenheftung, Leineneinband; ISBN: 978-3-89797-124-0

Dieses Buch ist auch als E-Book erhältlich:
Also available as e-book:
PDF: ISBN 978-3-89797-659-7  /  EUR 21.99
epub:  ISBN 978-3-89797-658-0  /  EUR 21.99

»Was wären Sie gerne?« – »Schriftsteller«, antwortete Zanussi. »Wollen Sie etwa die Welt retten?« – »Ja … nein …« – »Und warum haben Sie nicht längst damit angefangen?« – »Weil ich Angst vor der Einsamkeit habe.« (aus ‚Brennende Bilder‘ in diesem Band)

Literatur aus der Psychiatrie? Texte aus dem Klinikalltag? Kunst als Therapeutikum? Zum wiederholten Male, was wir seit Navratil und Prinzhorn immer wieder einmal lesen? Nein – die Schriften in der sorgfältigen Edition von Hans-Jürgen Heinrichs leisten gleichzeitig mehr: Sie erschließen ein Stück Literatur, dass trotz der zunehmenden psychischen Beeinträchtigung des Autors entstehen konnte; sie konfrontieren uns mit existenzieller Fragen (wie jede interessante Literatur); und gleichzeitig erschließen sie Fragen, die nur in dem spezifischen Zwischenraum von Krankheit und Gesundheit entstehen können, an der für jede Erkenntnis so wichtigen Grenze.

»Der Begriff ‚Identität‘ – die Festlegung auf ein Ich – suggeriert immer eine Einheit, etwas Homogenes und Geschlossenes. Dies aber ist eine Illusion. Sie verdeckt das dahinter liegende Heterogene, Vielgestaltige. Dass viele andere Ich-Anteile in jedem Menschen lebendig und virulent sind, offenbaren ebenso die Träume wie irrationale Handlungen, die uns selbst als fremd und fremdartig, ja befremdlich vorkommen mögen. Es ist der große Vorteil des Künstlers und Schriftstellers, sich die Freiheit des Spiels mit vielen Ichs und Phantasie-Namen nehmen zu können, entspricht dies doch zumeist dem ihm zugestandenen Schöpferischen. Dass sich Johannes Michael Grill auf diesem Terrain zuhause und mit sich selbst vertraut fühlte, zeigen seine literarischen Entwürfe.«

Eine Sammlung für den literarisch Interessierten wie für den psychologisch und psychotherapeutisch neugierigen Leser – und gleichzeitig ein von den Freunden des Autors ermöglichte Form des ‚Überlebens‘ des Autors.

Aus dem Inhalt

  • Einleitung von Hans-Jürgen Heinrichs
  • Die nachgelassenen Schriften von Johannes Michael Grill
  • Joe Weinstein: Durch. Verse und Fragmente
  • Joe Weinstein: Zu den Sternen und Mehr
  • Joe Koch: Brennende Bilder
  • Editorisches Nachwort von Hans-Jürgen Heinrichs

Johannes Michael Grill (* 15.10.1955; † zwischen dem 17. und 19.2.2017) wurde in München in eine religiöse Familie hineingeboren. Ein Großvater war evangelischer Oberkirchenrat, Sakrale Musik, Hausmusik und Konzertbesuche prägten ihn früh. Vor diesem bildungsbürgerlichen Hintergrund entstanden erste Erwartungen der Familie an seine Entwicklung mit dem Ziel eines »angemessenen « Berufswegs, die ihn in einem dauerhaften Konflikt zwischen eigenen künstlerischen sowie den bürgerlichen Ansprüchen seiner Familie gefangen hielt. Nach dem erfolgreichen Abschluss des humanistischen Münchener Theresiengymnasiums studierte er Medizin und unternahm umfangreiche Reisen nach Asien, Südamerika und in die USA. In dieser Zeit verfestigte sich seine Affinität zu Theater, Film und Literatur, und es begann der Kampf um die eigene Identität und Würde, zusätzlich belastet durch Krankheiten, Konflikte in der Familie, den frühen Tod der Eltern und Zwangseinweisungen in die Psychiatrie.
Seine Schriften entstanden über lange Zeiträume hinweg, immer wieder unterbrochen durch gravierende psychische Beeinträchtigungen. Voraussetzung für seine literarische Produktion scheint ein Grundzug seiner Persönlichkeit zu sein, eine Art heiterer Gelassenheit. In dieser Gelassenheit fand man ihn in seinem Lieblingssessel mit abgebrannter Zigarette und der stets präsenten Tasse Kaffee, und seine Visitenkarte vermerkte die Berufsbezeichnung ›Privatier‹. Die Todesursache wurde nie festgestellt, aber ihm bleibt ein Moment des Triumphs, etwas, was ihn selbst überleben sollte – und ihm mindestens einstweilen zum Überleben verhalf: sein Werk Zanussi.

Der Herausgeber
Hans-Jürgen Heinrichs, deutscher Ethnologe und Schriftsteller, Herausgeber zahlreicher Werk-Editionen. Seit 1973 erste Publikationen; Reisen und Forschungsreisen in den Vorderen Orient, nach Afrika, auf die Osterinsel und in den Pazifik. Von 1980 bis 1984 Gründer und Verleger (Qumran Verlag für Ethnologie und Kunst, Frankfurt a. M. / Paris, später Edition Qumran). Beiträge für literarische, kulturkritische und psychoanalytische Zeitschriften und für große Tageszeitungen in Deutschland, in der Schweiz und Österreich. Zahlreiche Lehrveranstaltungen und Gastvorträge im In- und Ausland sowie Organisation verschiedener Fachkongresse; ausgedehnte Seminartätigkeit. 2010 auf Einladung des Bundespräsidenten Eröffnung der Berliner Musikfestspiele in Schloss Bellevue mit dem Vortrag »Vom Eigenen und Fremden und vom Wert der Differenz«. Seit 2012 im im ‚Museum der Kulturen der Welt‘ in Berlin ein Raum für das Archiv des Qumran Verlags mit der Dokumentation seiner interdisziplinären Arbeit. Zahlreiche Buch-Veröffentlichungen, zuletzt: Fremdheit. Geschichten und Geschichte der großen Aufgabe unserer Gegenwart (2019); www.hj-heinrichs.de.